Probleme der IntegriertenSekundarSchule

In unseren bisherigen Sitzungen der AG-ISS sind wir auf vielfältige Probleme der IntegriertenSekundarSchule gestoßen:

Für finanziell schwache Elternhäuser ist es schwierig die durch BuT zugesicherten Hilfen zu bekommen.

Zusammengelegte ISS brauchen EINEN Standort

Wenn Schüler und Lehrer zwischen zwei oder mehr Gebäuden bzw. Standorten hin- und her wechseln,

  • besteht Unfallgefahr, vor allem, wenn mehrspurige Straßen zwischen den Gebäuden liegen
  • ist nicht mehr genügend Zeit für Gespräche zwischen Lehrern und Schülern z.B. für Nachfragen im Anschluss an den Unterricht
  • können Fachlehrer die Klassenlehrer nicht mehr in Kurzform über die Schüler ihrer Klasse informieren, weil sie sich nur noch auf dem Mittelstreifen der mehrspurigen Straße treffen anstatt in einem gemeinsamen Lehrerzimmer
  • können keine größeren Unterrichtsvorbereitungen für Versuche vorbereitet werden, weil dafür die Zeit fehlt
  • verdient die Pause nicht mehr ihren Namen, weil sie zum Gebäudewechsel genutzt werden muss einer Schule, die sich im Jahr 2007 eine Chemielehrerin von einer anderen Schule „ausgeliehen“ hatte, wurde gesagt, dass dieses nur für ein halbes Jahr möglich sein, weil der mehrfache Schulwechsel innerhalb einer Woche unzumutbar sei. Nach der Zusammenlegung vieler Haupt- und Realschulen zur ISS wird das sehr vielen Schülern und Lehrern schon seit Jahren zugemutet

Es fehlen Räume

  • Räume in genügender Anzahl (Klassenräume, gut ausgestattete Fachräume, Trainingsräume für die Schulsozialpädagogen)
  • Räume in geeigneter Größe (ehemalige Hauptschulen haben eine Raumgröße, die eigentlich für 18 Kinder gedacht war, sie sind mit 26 oder mehr Schülern in einer ISS zu eng, Enge fördert Aggressivität)
  • Räume für spezielle Förderung
  • Cafeteria (mit genügend Personal und nicht nur ehrenamtlichen Eltern und MAE-Kräften)
  • Mensa (mit Sitzplätzen für alle Schüler der Schule und nicht nur für 20% der Schüler)
  • Aula (für Versammlungen und Veranstaltungen jeglicher Art)
  • funktionsfähige Sporthallen in einer der Schülerzahl angepassten Größe

Grund- und Erweiterungskurse
In der Praxis funktioniert die Binnendifferenzierung nicht richtig. Gute Schüler werden nicht ausreichend gefördert. Die Zensurengebung auf verschiedenen Niveaustufen ist schwer zu durchschauen: beispielsweise bescheinigt eine 3 minus in einem Erweiterungskurs bessere Kompetenzen als eine 3 minus in einem Grundkurs  und eine 3 mit Sternchen für Integrationsschüler  ist vom Niveau noch geringer. Wer kann da noch Zeugnisse lesen? Den Schülern sollten Zeugnisse eigene Lernanstrengungen bescheinigen und deren Eltern vermitteln, wo das eigene Kind leistungsmäßig steht. Ebenso wird es Probleme für Lehrstellenbewerber und Arbeitgeber geben. Welche Auswirkungen hat die ständige Durchlässigkeit oder eine Durchlässigkeit nur zum Halbjahr zwischen den G- und E-Kursen? Dazu kommt noch, dass der Leistungskatalog nach unten korrigiert wurde. Wenn Erfolg verordnet wird, scheitern die Schüler eben später!

Ausreichendes und qualifiziertes Personal (Lehrer, Sonderschullehrer, Erzieher, Psychologen, Sekretärinnen, Hausmeister, Informatiker), das sofort bei Bedarf arbeiten kann, steht nicht in erforderlichem Maße zur Verfügung (bei Grippewellen, Langzeiterkrankungen, Neubesetzungen auch bei der Schulleitung und Stellvertretung). Wichtig für Schüler ist auch eine persönliche Bindung an die Lehrkraft und Kontinuität. Ständig wechselndes Personal wirkt sich negativ für eine Klasse aus.

Demnächst steht eine Qualitätsoffensive der Schulen auf dem Programm. Weshalb werden dann Menschen als Lehrer eingestellt, die keine pädagogische Ausbildung haben, weder didaktisch noch methodisch geschult sind und nur ins kalte Wasser geworfen werden (z.B. PersonalKostenBudgetierung-Kräfte oder Quereinsteiger)? Lehrer und Lehrerinnen sollten ein Mindestmaß an „Handwerkszeug“ für den Unterricht zur Verfügung haben. Auch sollen „normale“ LehrerInnen demnächst ohne sonderpädagogische Qualifikation Inklusionsschüler unterrichten nach der Methode “try and error“. Zwar können sich LehrerInnen an den Beratungs- und Unterstützungszentren (BUZ) in ihrer Freizeit beraten lassen, ein Sonderpädagogikstudium ersetzt das aber nicht.

Erforderlich wäre eine qualifizierte Förderung für alle Kinder innerhalb der Schule, deren Probleme z.B. im Deutschunterricht sich auch auf andere Unterrichtsfächer auswirken:

  • Kinder, die in Klasse 7 kaum lesen und schreiben können;
  • lernbehinderte Kinder mit speziellem Förderbedarf;
  • Lese-Rechtschreibschwäche; Schüler mit diagnostizierter LRS können beim Jugendamt einen Antrag stellen, damit sie außerhalb der Schule spezielle Nachhilfe dafür bekommen. (Dieses Problem müsste eigentlich innerhalb der Schule mit speziell dafür ausgebildeten Fachlehrern behoben werden und nicht aus der Schule herausdelegiert werden). Stattdessen bekommen die Kinder nur einen Nachteilsausgleich, um innerhalb eines längeren Zeitraums ihre Aufgaben lösen zu können – dadurch lernen sie aber nicht, wie sie ihre Schwäche kompensieren können;
  • Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache;
  • Kinder mit motorischen Problemen beim Schreiben;
  • Kinder mit Konzentrationsstörungen;
  • ADHS;
  • Kinder mit sozial-emotionalen Problemen;
  • usw.

(PS: gute Schüler gibt es auch noch)

Alle diese Probleme wirken sich nicht nur im Deutschunterricht aus, sondern auch in allen Unterrichtsfächern, in denen mit Arbeitsblättern gearbeitet wird. Viele Kinder verstehen nämlich nicht, was auf diesen Arbeitsblättern steht. Man könnte von den Lehrern erwarten, dass sie für diese 8 genannten Probleme jeweils individuelle Arbeitsblätter anfertigen können. Der Haken ist nur: Ein Lehrer an einer Sekundarschule hat 26 Unterrichtsstunden pro Woche. Und neben dem Unterricht, Schülergesprächen, Elterngesprächen oder –telefonaten, Konferenzen und Korrekturen noch „nebenbei“ 26 x 8 = 208 Arbeitsblätter pro Woche anzufertigen ist selbst bei den engagiertesten Lehrern nicht machbar. Von daher hat die Individualisierung des Unterrichts ihre Grenzen. Ein anderer Haken ist auch: wenn bei Kindern z.B. Förderbedarf in einem bestimmten Bereich festgestellt wurde und somit amtlich diagnostiziert ist, hat das keine weiteren Konsequenzen (ausgenommen Kinder mit I-Status) wie z.B. spezielle Förderung, zusätzliche Betreuung durch mehr Personal oder Ähnliches. Man kann sich nur die Bescheinigung in einem Aktenordner abheften und die Schüler erhalten mehr Zeit zur Bearbeitung von Aufgaben bei Tests.

  • Es gibt einen begrenzten Pool an Lehrern, die spezielle Förderungen vornehmen können. Wenn in Berlin die Anzahl der förderbedürftigen Schüler steigt, wird die Anzahl dieser Lehrer nicht erhöht, sondern nur innerhalb Berlins umverteilt, je nachdem, wo der größere Bedarf ist.
  • Eine völlig andere Art der Zuwendung brauchen Schüler mit extrovertiert auffälligem Verhalten und Lernbehinderte. In der Praxis hat es sich als schwierig erwiesen, beide Gruppen in denselben Förderstunden zu unterrichten.
  • Ein idealer Lösungsansatz für solche Probleme wäre:
    pro einer bestimmten Anzahl an diagnostiziertem Förderbedarf müsste ein Lehrer mit diesem speziellen Förderschwerpunkt neu eingestellt werden, um diese Kinder optimal zu fördern. Bisher werden solche Lehrer nur aus einem Pool umverteilt, aber nicht neu eingestellt, obwohl der Bedarf in den letzten Jahren gestiegen ist. Außerdem gibt es eine Reihe von Kindern, die zwar in der Praxis einen Förderbedarf hätten. Weil dieser aber nicht diagnostiziert ist, steht ihnen die Förderung nicht zu und die Schule bekommt keine zusätzlichen Stunden dafür zugeteilt.

Haben Kinder besonders starke Probleme, dass sie nicht mehr beschulbar sind, weil die Klasse ein Anrecht auf ungestörten und geschützten Unterricht hat, müssen solche Kinder und deren Eltern oft etliche Monate auf einen Therapieplatz z.B. in Westend warten, weil nicht genügend Psychiater oder Plätze für eine Behandlung – eventuell auch stationär -  vorhanden sind. Was geschieht mit solchen Kindern in der Zwischenzeit. Sinnvoll wäre eine Beschulung in Kleinstgruppen, in denen sie die Grundbegriffe schulischer Arbeit üben können: Pünktliches Erscheinen, Mitbringen von Arbeitsmaterial, einfache Arbeits- und Lernformen durchführen und einhalten, konzentriertes Arbeiten, Hefterführung, Einhalten von Regeln. Solche Kinder brauchen oft einen engen zuverlässigen persönlichen Kontakt zu einem betreuenden Erwachsenen.

Viele sogenannte „Nebenfächer“ wurden auf eine Stunde pro Woche gekürzt. Dadurch halbiert sich das Grundwissen im Vergleich zu vorherigen Jahrgängen. Als Gegenargument wird angeführt, dass diese Schüler ja 13 Jahre bis zum Abitur hätten. Jedoch wird ein großer Teil der Sekundarschüler nicht die Oberstufe besuchen und nach dem 10. Schuljahr die Schule verlassen. Eine Kürzung der Nebenfächer liegt auch vor, wenn anstelle von 2 Stunden Physik und 2 Stunden Chemie pro Woche nur noch 2 – 3 Stunden NaWi unterrichtet werden. Das Gleiche gilt, wenn andere Fächer zu einem Gemeinschaftsfach zusammengefasst werden sollen.

Kompetenzen

In den derzeitigen Curricula sollen Schülerinnen und Schüler möglichst viele Kompetenzen erlernen, weil man sich lebenslang in einer sich ständig ändernden Welt neue Informationen aneignen muss. Faktenwissen scheint weniger gefragt zu sein in den Lehrplänen. Der Haken an der Sache ist jedoch: Wissen ist für Schülern erforderlich, um Zusammenhänge zwischen Einzelfakten zu erkennen und herzustellen, damit diese zu einem Gesamtverständnis führen können. Völlig ohne Faktenwissen in den unterschiedlichsten Unterrichtsfächern kommt man nicht aus, da man für kritisches Denken Fakten parat haben muss, damit man Fakt A und Fakt B zusammenzählen kann, um  Ungereimtheiten aufdecken und kritisch hinterfragen zu können als mündiger Staatsbürger.

Das Fördern von Kompetenzen setzt voraus, dass die Schülerinnen und Schüler lernen wollen. Ganz oft ist bei diesen gar keine Bereitschaft dafür vorhanden. Etliche (keine Einzelfälle!!!) Elternhäuser unterstützen diese nicht oder stehen dem Verhalten ihrer Kinder völlig hilflos gegenüber. Wissen und Lernen wird nicht mehr als Privileg verstanden, das beruflichen und persönlichen Aufstieg ermöglicht. Im Zusammenspiel mit der Pubertät werden Herausforderungen, Anforderungen und Übernahme von Verantwortung von einer deutlichen Anzahl von Jugendlichen als individuelle Störung empfunden. (Familienberatung müsste in erheblichem Umfang angeboten werden.)

Wir müssen unsere Kinder nicht für den Ablauf in der Wirtschaft angepasst erziehen, jedoch kommen sie ohne Leistungsbereitschaft im Berufsleben nicht weiter. Karriere ohne Anstrengung ist nicht möglich, Erfolgserlebnisse in der Schule ebenso. Demzufolge muss Leistung, Leistungsbereitschaft und Verantwortungsbereitschaft in der Schule belohnt werden. Kinder müssen sich qualifizieren (wie der Name schon sagt) durch ihren Kompetenz- und Lernfortschritt, um in eine höhere Klassenstufe zu kommen. Derzeit beginnt sich eine Mentalität breit zu machen gemäß dem Motto: ob ich nur 3 Punkte (früher 5 plus) oder schlechter habe, das hat für mich keine Auswirkungen, warum soll ich dann noch meine Zeit mit Lernen oder Hausaufgaben verschwenden.

Motivation für den Unterricht aus der Sache heraus wäre eigentlich eine schöne Sache. Schüler brauchen aber auch äußere Anreize um zu Lernen. Wenn das Nicht-Lernen erst zum Abschluss der Schule Konsequenzen hat in Form bestimmter Abschlüsse, ist das zu spät. Schüler brauchen eigentlich sofort eine Rückmeldung und einen Anreiz zum Lernen. Bei vielen kann sich sonst die Mentalität durchsetzen nach dem Motto: „Ich habe keinen Bock. Wenn ich eine schlechte Zensur habe, ist das auch egal.“ Wenn eine Klasse Pech hat, setzt sich diese Mentalität in der ganzen Gruppe durch und gute Schüler werden nicht geachtet, sondern als Streber beschimpft. Lernen braucht eine positiv besetzte Wertigkeit, muss wichtig sein. Aufstiegsmöglichkeiten durch gute Schulabschlüsse müssen als Chance begriffen werden und nicht als lästige Störung von Treffen mit Klassenkameraden. Wenn man keine Verantwortung übernimmt, müssen dafür von den Jugendlichen selbst Konsequenzen getragen werden. Wie bekommen Schüler möglichst schnell positive Verstärkung für verantwortliches Lernen und Handeln?

Viele Schüler sind auch der Ansicht, dass es reicht auf einer Sekundarschule zu sein, um einen Mittleren Schulabschluss oder das Abitur automatisch zu bekommen. Dass man entsprechende Leistungen vorweisen muss, scheint vielen fremd zu sein.

In der Schulstatistik kann man feststellen, dass es weniger Schulabbrecher gibt. Liest man die Statistik anders, stellt man folgendes fest: früher haben Achtklässler, nachdem sie zwei Mal sitzengeblieben sind, die Schule ohne Abschluss nach 10 Pflichtschuljahren verlassen. Heute rücken sie grundsätzlich auf bis zu 10. Klasse – sind aber nicht kompetenter.

Ausblick:
Wie verändert sich unsere Gesellschaft, wenn das die nächste Elterngeneration wird?

Fazit: Es gibt erhebliche Differenzen zwischen dem Ideal- und Ist-Zustand an den Sekundarschulen

Wenn ehemalige Hauptschüler in Sekundarschulen integriert werden sollen, ist das nicht zum Preis von Realschulen zu haben, sondern muss mit wesentlich kleineren Klassen für alle bezahlt werden. Ansonsten verkommen die Sekundarschulen zum Sparmodell für den Finanzhaushalt.