G8/G9 Misere an den Berliner Gymnasien

LEA- Pesseerklärung

17.12.2010 Manfred Thunig

Wir hatten am 15. Dezember 2010 eine ausführliche Diskussion mit der Fachreferentin Gymnasien  bei der Senatsverwaltung, Frau Christina Rösch. Dabei haben Eltern und Elternvertreter von Gymnasien die massiven Probleme bei dem Zusammentreffen der G 8 Schüler/innen mit denen des auslaufenden G 9- Systems benannt.


Als schwerwiegendes Grundproblem wird aus vielen Gymnasien die mangelhafte Lehrerausstattung genannt. Auch trotz angeblicher Nachsteuerung müssen viele Schulen mit großen Lücken -insbesondere in Mangelfächern- fertig werden. Die ohnehin mit 3 % viel zu geringen Personalkosten-Budgettierungsmittel zum Einsatz von Vertretungskräften reichen bei weitem nicht aus- zumal ohnehin in vielen Fächern es keine Ersatzkräfte mehr gibt. Die daraus folgende ständige Überbeanspruchung der vorhandenen Lehrerinnen und Lehrer führt naturgemäß zu Frustrationen und weiteren Ausfällen. An eine Besserung können die Eltern und die Schulen trotz gegenteiliger Beteuerungen des Senators und seiner Senatsverwaltung nicht mehr glauben. Die Schulaufsichten in den Bezirken können den Schulen auch für das nächste Schuljahr keine sichere Planung ihres notwendigen Personals zusichern und verweisen auf Informationen der Tageszeitungen. Die Eltern sind über diesen unhaltbaren Zustand nicht nur sauer, sondern wollen alle Mittel einsetzen, um das „Recht auf zukunftsfähige schulische Bildung und Erziehung“ (Schulgesetz für Berlin) auch für ihre Kinder durchzusetzen. Auch die im nächsten Jahr anstehenden Wahlen in Berlin sind dafür eine geeignete Möglichkeit.

Auf diesem Hintergrund der zuweilen dramatisch mangelhaften Personalausstattung in vielen Gymnasien erweisen sich die vorhandenen Wissens- und Kompetenzlücken der G 8- Schüler/innen in der jetzt beendeten ersten Kursphase als schwerwiegendes Zusatzproblem. Fast alle Eltern in der Diskussion berichten von einer Differenz von einer Notenstufe zu denen der gleichzeitig bewerteten G 9- Schüler/innen, vor allem in den Fächern Mathematik, Physik und Englisch. Einige Eltern berichten sogar von regelrechten Notenabstürzen in ihrer Schule gegenüber der 10. Klasse.

Einzelne Gymnasien haben inzwischen fachspezifische zusätzliche Förderkurse für ihre G 8- Schüler/innen eingeführt, um die Lücken bis zum Abitur auszugleichen. Diese Zusatzkurse könnten zwar bei richtiger Organisation auf die Belegverpflichtung von 33 Wochenstunden angerechnet werden, aber davon machen viele Gymnasien keinen Gebrauch. Ganz offenbar hat es die Senatsverwaltung nicht geschafft, neben der Umorganisation der Sekundarschulen sich auch noch um die erfolgreiche Information der Pädagogischen Koordinatoren und Schulleiter der Gymnasien zu kümmern. So wird von bis zu über 40 Wochenstunden in der Schule + Hausaufgaben+ regelmäßigen längeren Referaten berichtet. Die 16 jährigen Kinder seien total übermüdet und überfordert, dem neuen Lernstoff zu folgen. Damit sinkt natürlich auch die Möglichkeit der aktiven Beteiligung am Unterricht, was eine weitere Verschlechterung der Note zur Folge hat. Die in einzelnen Gymnasien angesprochene unverzichtbare zusätzliche regelmäßige Nachhilfe überlastet diese Schüler/innen weiter und ist für viele Eltern kaum finanzierbar, also keine Lösung.

Auf die Frage einer Mutter, was sie ihrer Tochter nun raten solle, weiß keiner eine rechte Antwort. Auf die Forderung vieler Eltern, der Senator müsse einen Nachteilsausgleich für die betroffenen
Schülerinnen und Schüler schaffen antwortet die Referentin, sie werde das juristisch prüfen lassen. Das Vertrauen auf eine wirksame Hilfe ist jedoch bei den Eltern kaum erkennbar. Da die jetzigen Kursnoten bereits in die Abiturnote eingehen, werden ihre Kinder wohl deutlich benachteiligt bleiben, was die Eltern als ungerechte Behandlung ihrer Kinder auch im anschließenden Studium sehen.

Für die künftigen Jahrgänge wird eine ausreichende Vorbereitung auf die Anforderungen des Kurssystems bereits in der 10. Klasse gefordert. Bereits hier müsste das mögliche Kursprofil für das Abitur geprobt und das Schreiben von Klausuren über mehrere Stunden eingeübt werden. Das Vorbereiten von wissenschaftlich untermauerten Referaten gehöre ebenfalls bereits in diese Klassenstufe. Da in der Regel ein halbes Schuljahr für das Vorbereiten des für die Gymnasiasten überflüssigen Mittleren Schulabschlusses (sie bestehen ihn ohnehin zu fast 100 %) vergeudet wird, wäre dies sicherlich grundsätzlich möglich. Aber ob sich der jetzige Senat dazu politisch aufraffen kann, wird bezweifelt. Die Probleme der Gymnasien scheinen nicht auf der politischen Agenda zu stehen. Insofern werden auch erhebliche Sorgen über eine baldige und kompetente Nachfolgerin für die ausscheidende Referentin für Gymnasien geäußert. Die anwesenden Eltern erinnern sich noch gut an den Ärger der zu späten Entscheidung über die Einbringverpflichtungen in das Abitur in diesem Frühjahr, weil die Stelle so lange unbesetzt war.


Manfred Thunig,

stellv. Vors. des Landeselternausschusses