Reform der Schnellläufer-Gymnasien von Senator Dr. Zöllner- ein Rückschritt

09.11.2010-

- Der Landeselternausschuss hält den Wegfall des generellen Überspringens der 8. Klassen in Schnellläufer-Klassen in der Gymnasien für richtig, denn durch die allgemeine Schulzeitverkürzung sind die Schüler/innen beim Abitur erst 16 Jahre alt. Richtig ist auch, das gewonnene Schuljahr zu nutzen für zusätzliche Angebote der Schule. Der Landeselternausschuss hält aber den mit dieser Entscheidung begonnenen Abbau von mittelfristig 14 fünften Klassen an den Berliner Gymnasien für einen Rückschritt. Auch wenn Herr Dr. Zöllner

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Integration "Ich bin Thilo Sarrazin sogar dankbar"

10.11.2010 11:55 Uhr
Von Karin Schädler

 

Für die türkischstämmige Berlinerin Aylin Selcuk und ihre Ideen zur Integration interessieren sich auch die Dänen. Jetzt wurde sie nach Kopenhagen eingeladen.

 

Das Gesicht entspannt sich wieder. Aylin Selcuk dreht den Kopf, schaut ihre Gesprächspartner offen an. „In einer Hinsicht bin ich Thilo Sarrazin sogar dankbar“, sagt die junge Frau, die ihn immerhin angezeigt hatte wegen seiner Äußerungen über die Türken. Offenbar sei die Politik in den letzten Jahren weiter gewesen als die Bevölkerung, mit Integrationsgipfel, Islamkonferenz und dem Bekenntnis zu Deutschland als Einwanderungsland. „Jetzt wissen wir wenigstens, wo wir mit unserer Arbeit ansetzen müssen.“

 

Weiterlesen: http://www.tagesspiegel.de/berlin/ich-bin-thilo-sarrazin-sogar-dankbar/1978866.html 

 

Ein Kommentar.

 

Thilo Sarrazin. Zu diesem Mann hat mittlerweile fast jeder in Deutschland seine Meinung. Seine Thesen und Aussagen zur Integration bewegen viele sich an der Diskussion zu beteiligen. Viele Menschen geben ihre Meinung jedoch „anonym“ von sich, sprich, die Foren im Internet, die Beteiligung an TV-Sendungen per Mail sowie zahlreiche Leserbriefe. Öffentlich aufzutreten und seine Meinung zu sagen, das erfordert Mut:

 

„Wenns Euch nicht gefällt dann geht doch zurück in euer eigenes Land. Wir Deutschen würden uns sehr darüber freuen, denn die meisten von uns können euch Kanaken so sehr leiden, wie eine schlimme Krankheit."

 

Diese und ähnliche Äußerungen erhalte ich nahezu täglich per Mail. Grund hierfür ist, dass ich jüngst Thilo Sarrazin wegen seiner diffamierenden Aussagen zur vererbten Intelligenz von Türken angezeigt habe. Seit dem Erscheinen seines Buches vor drei Wochen hat sich diese Art von Mails nahezu verdoppelt. Es sind Mails mit rassistischem Inhalt; Mails, in denen ich bedroht, beleidigt und beschimpft werde – es lebe die Meinungsfreiheit in Deutschland!

 

Thilo Sarrazin, der bereits in den 70er Jahren in seinem Amt im Finanzministerium die Idee hatte, Berlin aufgrund seiner Finanzlage einfach mal an die damalige DDR zu verkaufen, sorgt nun dafür, dass Berlinerinnen und Berliner, die Mehmet, Zeynep oder Muhammed heißen, sich in Diskussionen wiederfinden, in der sie gefälligst Lösungen für die Misere der 50-jährigen Migrationspolitik servieren sollen. Viele erleben dies nun tagtäglich. „Aber der Mann hat doch recht…“ ist hier die Einleitungssequenz bei mehr als 80% der befragten Bevölkerung.

 

Woher stammt aber dieses sehr negativ geprägte Bild der „deutschen Bevölkerung“ von ihren „ausländischen Mitbürgern?" Wie viele, der sich zu Wort meldenden, sich bedroht fühlenden, kennen einen Menschen mit türkischer Herkunft?

 

Aktuelle Statistiken zeigen, dass tatsächlich mehr als 60% der Bevölkerung keinen Kontakt zu den sogenannten „Ausländern“ hat. Dennoch stimmen sie den schon vor Jahren widerlegten Thesen Sarrazins zu.

 

Des Weitern: Wie schafft es dieser kleiner Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund ein
gesamtes Land ‚abzuschaffen‘?“ Die Medien helfen. Täglich liest man nur von Migranten, die ihrer Umwelt in Deutschland einfach nur schaden. Die Ursache hierfür liegt allerdings sichtlich nicht in ihren Genen oder gar ihrer ethnischen Herkunft. Die Verhaltensstruktur und die Gründe dafür der sogenannten „unteren Sozialschicht Deutschlands“ sind in allen Ballungszentren gleich – ergo: in Neukölln genauso wie auch in Marzahn. Vor allem die Jugendlichen, die vielleicht keine hohe Schulbildung genießen können, fühlen sich von der Gesellschaft nicht anerkannt und perspektivlos.
Die Ethnie als Ursprung des Problems zu betrachten ist eine schlichte und eindeutige Verharmlosung der eigentlichen Thematik.

 

Das Bild, welches so minutiös DER Türken, DER Muslime in den Medien abgebildet wird, hat nur das eine zum Ziel: Klischees bedienen, kategorisieren. Deutschland ist das Land der ISO-Normen, vielleicht ist der Wunsch enorm groß, auch Menschen zu vereinheitlichen. Dabei ergibt sich jedoch die Frage: Trauen Sie der einheimischen Bevölkerung so wenig Kompetenz in Differenziertheit zu?

 

„Sie sind ein Hurensohn.“ Stellen Sie sich doch vor, ich würde bei einer Redaktionssitzung der Spiegelmacher einen Redakteur derart ansprechen. Wie würden zu dieser Äußerung am nächsten Tag die Schlagzeilen lauten? Ich denke folgende Vorschläge wären nicht weithergeholt „Türkin beleidigt die Spiegel-Redaktion", oder noch besser, „Muslima greift Menschenwürde der Spiegelredakteure durch Beleidigung an." Würde irgendjemand auf die Idee kommen darüber nachzudenken ob dieser Redakteur wirklich Sohn einer Hure sein könnte? Würde man Statistiken darüber erheben mit welcher Wahrscheinlichkeit es zutreffen könnte, dass gerade dieser Redakteur Sohn einer Hure ist? Würde man
wild über die Definition des Begriffes Hure recherchieren? Eher unwahrscheinlich.

 

Da stelle ich mir nun die Fragen: Wieso überlegt man bei den Thesen des Herrn Sarrazin sofort als erstes ob er Recht hat? Wieso berichtet niemand erst darüber dass es sich bei seinen Aussagen um Beleidigungen handelt, die volksverhetztend menschenverachtend und verletzend sind? Wieso interresiert sich keiner dafür, wie sich die betroffenen Deutschen mit Migrationshintergrund nun hier fühlen? In der gesamten Debatte verliert man aus den Augen, dass es sich in erster Linie um eine Beleidigung handelt, die im Grund seiner Aussagen steckt – unter anderem die einfache jedem bekannte Beleidigung „dumm“.

 

Wir haben mühselig eine von außen aufoktroyierte Demokratie bekommen, in dessen Mittelpunkt die Würde des Menschen gestellt wurde. Und ich frage Sie nun an dieser Stelle: Wurde in den letzten Wochen bei der Diskussion auch nur einmal die Würde der türkischen oder muslimischen Migranten in Deutschland bedacht? Nein! Die Meinungsfreiheit überwiegt hier scheinbar gegenüber der Menschenwürde. Bertolt Brecht sagte: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Dieses Zitat fällt mir ein, wenn ich Herrn Sarrazin in den Medien als „Volkshelden“ tituliert sehe. Da frage ich mich, haben wir denn gar nichts gelernt?

 

Was soll’s! Eigentlich müsste ich doch schon längst abgehärtet sein. Ich bin 21Jahre alt und gebürtige Berlinerin. Ich habe in Deutschland meine gesamte Schulzeit verbracht und studiere auch hier. In diesen 21 Jahren wurde ich sehr früh und immer wieder aufs Neue mit Vorurteilen konfrontiert.
Wenn ich mit Ihnen telefonieren würde, würden Sie bis zu dem Zeitpunkt an dem ich Ihnen gegebenenfalls meinen Namen buchstabieren müsste überhaupt nicht bemerken, dass ich Eltern mit türkischer Zuwanderungsgeschichte habe. Wenn Sie mich jedoch auf der Straße sehen würden, dann würde Ihnen diese Tatsache als Erstes auffallen. In Sekundenschnelle würden Sie mich in Schubladen sortieren. Sobald Sie sich mit mir unterhalten würden, würde ich bei Ihnen für einen innerlichen Konflikt sorgen, denn ich würde keineswegs in die Schublade passen, in die Sie mich einsortiert hatten:

 

Ich spreche perfekt Deutsch, obwohl ich zu Hause mit meinen Eltern nur Türkisch spreche; ich habe hervorragende Schulleistungen obwohl meine Eltern laut Sarrazin ihre Dummheit hätten genetisch an mich vererben sollen. Ich trage weder ein Kopftuch noch werde ich zwangsverheiratet oder unterdrückt, obwohl ich Muslima bin.

 

Ich möchte die Integrationsprobleme, die ja angeblich erstmalig durch Herrn Sarrazin angesprochen wurden, nicht schönreden. Dennoch möchte ich eben diese Integrationsprobleme auch gerade nicht verharmlosen.

 

Vor drei Jahren habe ich mit 50 weiteren Jugendlichen gemeinsam den Verein Die DeuKische Generation e.V. gegründet. Ziel unserer ehrenamtlichen Arbeit ist es, Vorurteile abzubauen, die Integration sowie Chancengleichheit zu verbessern und als Sprachrohr für Politik und Medien zu wirken. Hauptanliegen war es, der Gesellschaft zu symbolisieren, dass wir Jugendlichen aus Zuwandererfamilien auch Früchte der hiesigen Gesellschaft sind, zu Deutschland gehören und endlich anerkannt und akzeptiert werden möchten. Ich könnte nun wieder bei Adam und Eva anfangen, mich darüber beklagen, warum die deutsche Politik jahrelang verschlafen hat, die Migranten hier zu integrieren oder ich könnte über die Migranten herfallen und sie beschimpfen und sie zu Sündenböcke der Bundesrepublik deklarieren und innenpolitische Probleme auf deren Laster schieben. Doch was
würde ich damit erreichen? Könnte ich dadurch die Situation verbessern?

 

Ich habe mich für einen anderen Weg entschieden. Ich habe den Verein gegründet und trage aktiv dazu bei, die Zuwanderungsgesellschaft Deutschlands mitzugestalten. Ich bin tagtäglich in Diskussionen mit Menschen, tausche mich mit Ihnen aus, setzte mich für Gleichstellung im Bildungswesen ein, gehe an Schulen und motiviere Schüler und versuche als Brückenbauerin die Gesellschaft zusammenzuhalten sowie zu stärken. In diesen drei Jahren des aktiven Engagements hat sich sehr viel zum Positiven geändert. Es wurde differenziert und detailliert über Integration gesprochen, der Nationale Integrationsgipfel und Jugendintegrationsgipfel wurden durch das Bundeskanzleramt einberufen. Des Weiteren wurde das Thema Integration in vielen Talkshows in den Mittelpunkt
gestellt. Positiv bewerte ich die Vorstellung von erfolgreichen Menschen mit Mitgrationshintergrund.

 

Den Höhepunkt der ganzen Integrationsdebatte erlebten wir mit unserer jungen Nationalmannschaft in der Fußballweltmeisterschaft 2010, in der die deutsche Nationalmannschaft durch das Tor von Mesut Özil, dem Spieler mit türkischer Migrationsgeschichte, ins Viertelfinale zog. Dieses Selbstverständnis von Zuwanderung wünsche ich mir in allen Gesellschaftsbereichen Deutschlands.
Dahingehend könnte ich aus meiner intensiven Arbeit rund um das Thema Integration viele Thesen von Herrn Sarrazin widerlegen – wie alle wissenschaftlich arbeitenden Migrationsforscher- doch das ist mühselig. Erschreckend ist an der ganzen Debatte, welches Menschenbild sich in Deutschland zu kristallisieren erscheint. Die Wertvollen und die Wertlosen - aber wie der Zugang mit all seinen Mechanismen in dieser Gesellschaft funktioniert, das wird schön bei Seite gestellt. Gerade mal 5% der einheimischen Studenten stammen aus der sogenannten unteren sozialen Gesellschaftsschicht.
Bildungspolitik sollte das Schlagwort sein, nicht „Gen-Forschung“!

 

Als Fazit der ganzen Debatte folgt ein Umschwung Deutschlands von einem Einwanderungs- in ein Auswanderungsland. Diejenigen mit Migrationshintergrund, in die erfolgreich Investiert wurde, oder auch „die erwünschten Ausländer“, wandern in andere EU-Länder oder in die USA aus. Eben genau wegen der alltäglich gefühlten Ausgrenzung und der ständigen Konfrontation mit Vorurteilen sowie Menschen wie Sarrazin die ihnen das Gefühl geben trotz Bildung und Karriere Mensch zweiter Klasse zu sein. Rassistische Äußerungen werden salonfähig gemacht, es herrschen doppelte Auslegungsstandards bezüglich der Meinungsfreiheit. Somit wäre das „eigentliche Ziel“ des Herrn Sarrazin komplett verfehlt. Jedoch sind die Medien unter anderem die Hauptverantwortlichen für diese Misere bzw. für den Erfolg der Marketing-Strategie, durch die Volksverhetzung zu einem reinen Geldgewinn führt.

 

Herzlichen Glückwunsch, Herr Sarrazin!

 

Aylin Selcuk.

 

http://www.deukischegeneration.de